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Freiheit

Ich bin in einem Haus an der Nordsee aufgewachsen, das immer kalt wirkte, auch wenn die Sonne schien. Meine Eltern hatten sich getrennt, als ich noch jung war, und irgendwann kam meine Stiefmutter mit ihrer Tochter in unser Leben. Es war alles sehr kühl, distanziert, und ich wusste nie, wo ich hingehörte. Liebe? Umarmungen? Verständnis? Fehlanzeige. Aufstehen, Schule, zurückkommen, Hausaufgaben machen – alles unter diesem kalten Dach, das mehr Druck als Schutz bot. Meine Schwestern hatten eine Verbindung zueinander, ich war die Große, die sich durchboxen musste, und ich saß oft alleine in meinem Zimmer, zeichnete, bastelte, malte – tauchte ab in eine Welt, die nur mir gehörte. Draußen war ich eine Außenseiterin, drinnen eine Beobachterin. Die Therapie, zu der ich geschickt wurde, nachdem meine Eltern sich getrennt hatten, war wie ein komisches Experiment. Ich saß ein Jahr lang dort, redete kaum, machte die Übungen mit den Tieren, den Familienaufstellungen, malte, zeichnete. Am Ende fragte ich nur eine Sache: Wer ist schuld? Ich? Meine Eltern? Sie sagte mir, dass die Scheidung und die Umstände schuld waren. Nicht ich. Für mich war das ein Wendepunkt. Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr falsch, nicht mehr introvertiert und schüchtern. Ich begann, rauszugehen, auf Partys, in Clubs, mich unter Menschen zu mischen, einfach um zu spüren, dass ich existiere, dass ich gehört werde. Es war in einer dieser Nächte, dass ich REMSI kennenlernte. Ich war sechzehn, auf dem Weg, ein bisschen rebellisch, neugierig, unvorsichtig vielleicht. Ich kannte die Türsteher, also kam ich rein in den Club. Dort war er, schlaksig, drei Jahre älter, aufdringlich, dominant, gefährlich – zumindest fühlte es sich so an. Mein Freund warnte mich: „Sarah, lass die Finger von ihm, der ist nicht gut.“ Aber ich hörte nicht richtig zu, ich wollte nur sehen, warum er mich so anstarrte. Dann kam er auf mich zu, fragte nach einer Zigarette. Ich gab ihm eine. Wir sprachen kurz, flüchtig. Ich wollte ihm nicht meine Nummer geben. Ich hatte kein Handy. Alles wirkte harmlos, fast lächerlich, bis zum Schluss. Ich wollte ihn auf die Wange küssen, aber unsere Lippen trafen sich, und es fühlte sich sofort falsch an. Ich dachte, das ist nur ein kurzes Abenteuer, ein kleiner Flirt – doch es war der Beginn von sechs Jahren, die mich komplett veränderten. Nach den Sommerferien, als ich sechs Wochen bei meiner leiblichen Mutter in der Nähe von Hamburg war, wurde die Bindung zu REMSI stärker. Ich konnte ihm Dinge erzählen, die ich nie jemandem gesagt hatte – über den neuen Mann meiner Mutter, über das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, über die Kälte zu Hause. Er hörte zu. Er war der Einzige, der zuhörte. Er schimpfte auch mit mir über meine Eltern, unterstützte mich auf seine Art. Und irgendwie fühlte sich das wie Verbindung an, wie jemand, der mich sieht. Ich war jung, naiv, unerfahren, und langsam, unmerklich, fing ich an, mich auf ihn einzulassen. Als ich zurückkehrte, wollte ich mit meiner besten Freundin zusammenziehen. Wir hatten das alles geplant, unsere erste eigene kleine Freiheit. REMSI war darauf jedoch überhaupt nicht vorbereitet. „Nein“, sagte er. „Wenn du ausziehst, dann nur mit mir. Mit mir zusammen.“ Ich war so verliebt, dass ich schwach wurde. Ich sagte meiner Freundin ab, zog zu ihm. Meine Eltern waren entsetzt. Ich war sechzehn, unerfahren, gerade auf dem Weg, meine Ausbildung zu beginnen, und plötzlich war ich in einer Welt, die ich nicht kannte, die mich schon jetzt einzuschränken begann. Die Kontrolle begann schleichend. Erst Kleinigkeiten – wie ich mich kleiden sollte, mit wem ich reden durfte. Dann das absolute Verbot, mit Männern zu sprechen. Ich durfte nicht mehr zur Ausbildung, weil ich nachmittags mit einem männlichen Koch alleine war. Alles eskalierte langsam, aber sicher. Ich wusste, dass ich ihn früher hätte verlassen sollen, aber ich war jung und dumm, hatte keine Ahnung von der Welt, von den Gefahren, von den Menschen, die in dieser Welt agierten. Mit der Zeit wurde mir klar, dass REMSI kriminell war. Ich wusste zu viel, konnte nichts erzählen, sonst wäre ich tot gewesen. Drogenhandel, Einbrüche, Gewalt – die Realität war so anders als alles, was ich je erlebt hatte. Und dann kam die Gewalt gegen mich. Es begann mit kleinen Schlägen, steigert sich zu Würgen, Schlägen mit einem Staubsaugerrohr, gebrochenen Rippen. Ich konnte nicht weglaufen, ich war gefangen in seinem Einfluss, der Drohkulisse, den Bedrohungen, die er mir täglich aussprach: „Wenn du gehst, bringe ich dich um.“ Zwischen diesen Horrormomenten baute ich mir kleine Fluchten im Kopf. Ich stellte mir vor, dass ich eines Tages frei sein würde, dass ich die Ausbildung zu Ende mache, die Stadt verlasse, irgendwo ein neues Leben beginne. Ich wusste, dass dies mein einziger Weg war, um zu überleben. Die Eskalation der Gewalt zeigte sich besonders deutlich an einem Abend im Club. Ich gratulierte einem Freund meiner langjährigen Freundin zur Hochzeit, ein unverfänglicher Moment. Doch REMSI sah mich, stürmte auf mich zu, zog mich raus, schlug mir ins Gesicht. Ich war schockiert, konnte nicht einmal weinen. Das war nur der Anfang. Solche Szenen wiederholten sich, immer häufiger, immer brutaler. Nach sechs Jahren war ich schließlich am Ende meines Durchhaltevermögens angelangt. Ich hatte meine Ausbildung fast geschafft, war kurz davor, meinen Realschulabschluss zu machen. Ich plante die Flucht: den Tag nach meiner Abschlussfeier, die Koffer ins Auto, weg. REMSI glaubte mir nicht. Er lachte. Am Morgen nach der Feier, als er noch schlief, packte ich alles ins Auto. Ich fuhr los, mein Herz schlug wie verrückt. Ich fuhr zu meinen Eltern, sagte nur kurz Bescheid, dann weiter zu meiner Mutter. Ich war frei. Zumindest für diesen Moment. Die Freiheit war jedoch nicht endgültig. REMSI fand mich schließlich in Österreich, wo ich eine Saison arbeitete. Ich stand im Restaurant, in meiner Schürze, mittendrin, als er auf einmal in der Tür stand. Waffe in der Hand, Drohung in der Stimme: „Du kommst jetzt mit.“ Mein erster Gedanke war: Lieber tot, als ein Leben mit ihm. Ich starrte ihm in die Augen, sagte: „Dann bring mich um. Ich gehe nicht mit dir.“ Und er konnte es nicht. Er ging. Wochen später begannen die Anrufe, die SMS – er wollte, dass ich zurückkomme. Ich tat das Einzige, was funktionierte: Ich log. Ich sagte ihm, ja, ja, ja, wir heiraten, wir kriegen mehrere Kinder, ich werde Muslima, das Leben wird schön. Ich beendete die Saison, aber in meinem Kopf hatte ich schon den nächsten Schritt geplant, das nächste Land, meine Freiheit. REMSI glaubte mir. Er renovierte die Wohnung, machte sie hübsch. Und dann drehte er ein letztes Ding: vier Kilo reines Kokain über die Grenze nach Schweden. Er wurde erwischt und saß zehn Jahre im Gefängnis. Endlich war ich wirklich frei. Rückblickend waren diese Jahre der Angst, Gewalt, Kontrolle und Drohungen die schwersten meines Lebens. Aber sie haben mir auch etwas gezeigt: dass es möglich ist, innerlich frei zu bleiben, Pläne zu machen, durchzuhalten und letztendlich zu überleben. Ich erzähle diese Geschichte nicht, um zu urteilen oder zu erklären. Ich erzähle sie, damit Frauen, die vielleicht gerade in ähnlichen Situationen stecken, erkennen, dass sie nicht allein sind. Dass es Wege gibt, da rauszukommen, auch wenn alles hoffnungslos erscheint. Heute bin ich frei. Ich habe ein Leben, das mir gehört. Ich kann zurückblicken und all das erzählen, ohne dass Angst mich lähmt. Ich weiß, wie sich Macht, Kontrolle und Gewalt anfühlen. Ich weiß, wie es ist, sich gefangen zu fühlen und trotzdem weiterzuatmen, weiterzuplanen, weiterzuleben. Und wenn meine Worte einer einzigen Frau helfen, einen ersten Schritt zu machen, dann hat all das Leiden wenigstens einen Sinn.

 
 
 

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